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Klimastrategien

Warum ein Ziel alleine nicht ausreicht
26. November 2021 Von David Rosenbrock
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Aktuell steuert die Welt auf eine Erwärmung von 2,7 °C zu, obwohl die Durchschnittstemperatur laut Pariser Klimaabkommen nur um max. 1,5 °C ansteigen soll (im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter). Auf politischer Ebene – etwa bei der UN-Klimakonferenz COP26 im November 2021 – herrscht immer mehr Druck auf den Staaten, sich ambitioniertere Ziele zu stecken. Auch die Wirtschaft gewinnt an Fahrt und der Druck auf Unternehmen wächst gleich von mehreren Seiten. Da sind zum einen Entwicklungen des Kapitalmarktes, bspw. durch strengere Kriterien zur Aufnahme von Unternehmen in die Nachhaltigkeitsfonds, auf der anderen Seite nehmen regulatorische Vorgaben wie die EU-Taxonomie Unternehmen in die Pflicht die Klimafreundlichkeit von Umsätzen, Investitionen und Betriebsausgaben offenzulegen. Klimaziele bzw. Klimaschutz in Unternehmen ist zudem lange nicht mehr nur bei First Movern und globalen Leadern zu finden, da sich mittlerweile über 2.000 Unternehmen ein wissenschaftlich fundiertes Klimaziel gesetzt haben. Immer weniger Unternehmen mit hoher öffentlicher Sichtbarkeit kommen ohne dezidiertes Klimaziel aus. Prominente und aktuelle Beispiele für negative Schlagzeilen im Zusammenhang mit Klimazielen, sind zahlreiche sogenannte „Climate Litigation“ Fälle, in den Unternehmen oder Politik von Gerichten in die Pflicht genommen werden ihre Klimaschutzbemühungen zu intensivieren.

Als Orientierungshilfe sind Ziele wichtig – und bestenfalls mess- und überprüfbar. Doch auch das ambitionierteste Ziel verliert seine Schlagkraft, wenn es an der Umsetzung hapert. Deshalb sollten Entscheider*innen und handelnde Akteur*innen mindestens genauso viel über Wege der Zielerreichung sprechen – genauer: über Klimastrategien.

Was ist eine Klimastrategie?

Eine Klimastrategie ist wie jede Strategie ein Instrument, um gesetzte Ziele – in diesem Fall Klimaziele – zu erreichen. Laut IPCC konzentriert sich ein Klimaziel immer auf die Erreichung bzw. Einhaltung von gewissen Temperaturgrenzwerten, Konzentrationsniveaus (Bereiche der Anwesenheit eines Stoffes, bspw. CO2 in μg/m³ in der Atmosphäre) oder Emissionsreduktionen. Der Klima- und Datenbereich von Stakeholder Reporting berät primär zu entsprechenden Vorhaben.

Zur Entwicklung einer Klimastrategie braucht es drei grundsätzliche Voraussetzungen, damit ein Unternehmen erfolgreich sein kann:

  • Ein Rahmenwerk zur Ableitung des Klimaziels bzw. nötigen Ambitionsniveaus – bspw. das Pariser Klimaabkommen bzw. die Science Based Targets  (SBTi)
  • Eine möglichst genaue (Emissions-)Datenlage von relevanten Unternehmensbereichen und Tochterunternehmen, um den Bezug zum eigenen Unternehmen darstellen zu können
  • Der Wille bzw. die eigenständige Verpflichtung des Unternehmens eine Klimastrategie zu entwickeln und umzusetzen

Der Weg zur eigenen Klimastrategie:

Die Erarbeitung einer Strategie endet nicht, sobald ein Klimaziel verabschiedet ist. Aus unserer Sicht bilden insgesamt sechs Schritte das Fundament einer robusten Klimastrategie; sie helfen, das gesteckte Ziel zu .

 

Eine saubere Datenbasis als Ausgangslage

1. Schaffung einer klaren Datenlage der eigenen Emissionen (Scope 1 und Scope 2) sowie Identifikation von Emissionsschwerpunkten

2. Screening und Aufstellung eines Scope 3 Inventars zur Berücksichtigung der Emissionen innerhalb der eigenen Wertschöpfungskette

Grundlage einer jeden Klimastrategie sollte der möglichst genaue unternehmenseigene Emissionsfußabdruck (Corporate Carbon Footprint – CCF) sein. Hierbei ist es wichtig nicht nur die Emissionen innerhalb des Unternehmens (Scope 1 und Scope 2) zu betrachten, sondern auch die in der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette entstehenden Emissionen (Scope 3) zu berücksichtigen. Deshalb sollte ein Unternehmen zunächst die internen, emissionsrelevanten Verbrauchsdaten erfassen und zudem einen Überblick über die relevanten Emissionen innerhalb der Wertschöpfungskette schaffen. Um Transparenz und Vergleichbarkeit zu gewährleisten, sollte es die Emissionsdaten gemäß dem international gängigen Standard des errechnen.

Festlegung des Ambitionsniveaus und Ermittlung von Reduktionspotenzialen

3. Orientierung an wissenschaftlichen Reduktionsberechnungen

4. Entwicklung interner Reduktionsmaßnahmen

5. Erstellung einer Prognose und Berechnung von Szenarien zur Ableitung des Klimaziels

Ausgehend von den Basisemissionen kann man nun für ein konkretes Jahr ein Emissionsreduktionsziel bestimmen, angelehnt an wissenschaftliche Rahmenwerke, wie das der SBTi. Dies gewährleistet, dass die zu setzenden Ziele im Einklang mit dem Pariser Klimaabkommen und dem 1,5-Grad-Pfad stehen. Die Emissionsreduktion kann entweder sektorspezifisch oder branchenübergreifend ermittelt werden; dies verdeutlicht die Emissionen, die das Unternehmen im gewählten Zieljahr noch maximal verursachen darf. Eine Orientierung am sektorspezifischen Reduktionspfad ist vor allem für Unternehmen in sehr homogenen Branchen (wie dem ICT-Sektor) empfehlenswert.

Der wissenschaftliche (Ziel-)Rahmen ist nun gesetzt. Doch besteht der eigentliche Kern der Strategie darin, Maßnahmen zur Erreichung des errechneten Reduktionsziels zu bestimmen. Diese Maßnahmen und Reduktionspotenziale ermittelt man üblicherweise durch Wettbewerbsanalysen und Experteninterviews. Gemeinsam mit strategischen, politischen bzw. rechtlichen Entwicklungen (z. B. dem „Fit for 55“-Programm der EU) und allgemeinen Trends werden sie in Emissionsszenarien bzw. -prognosen überführt. So erhält das Unternehmen einen transparenten Überblick, wie das gesetzte Ziel konkret erreicht werden kann und ob darüber hinaus weitere Potenziale für noch ambitionierte Klimaziele bestehen.

Kontinuierliches Monitoring und Anpassung der Maßnahmen

6a. Messung der Entwicklung der Gesamtemissionen und mindestens jährlicher Abgleich mit dem angestrebten Zielwert

6b. Messung der eingesetzten Reduktionspotenziale

Oftmals endet an dieser Stelle die Erarbeitung der Klimastrategie. Das Ziel steht auf wissenschaftlichen Füßen, der Weg dorthin ist durch Reduktionsmaßnahmen vorgezeichnet, doch die tatsächliche Emissionsreduktion fängt erst jetzt an. Ein essenzieller Baustein: das kontinuierliche Monitoring. Stakeholder Reporting begleitet Sie dabei weiterhin gerne. Unternehmen sollten hier sowohl die Gesamtemissionen verfolgen als auch die Reduktionsmaßnahmen bewerten. Besonders wichtig: Die durch die Maßnahmen tatsächlich erreichten Emissionsminderungen mit den vorab berechneten Potenzialen abgleichen. Sollten die umgesetzten Maßnahmen nicht die gewünschten Erfolge erzielen, können Unternehmen so rechtzeitig eingreifen und die Erreichung des Ziels gewährleisten.

Spätestens an dieser Stelle sollten Unternehmen dann die Brücke zur externen Kommunikation schlagen: Zum einen können sie etwa mittels Reporting und weiteren öffentlichkeitswirksamen Darstellungen interne Steuerungen ermöglichen – und zum anderen verschiedene externe Stakeholder*innen abholen und ihnen von der eigenen Verpflichtung, den Fortschritten und Entwicklungen berichten.